Julius Evola. Über die geistigen Voraussetzungen einer europäischen Einheit

Von Julius Evola

Nur wenige können ernsthaft die Tatsache bestreiten, daß bei dem allgemeinen, die gesamte europäische Gesellschaft von heute beängstigenden Gefühl von Krise und Unbehagen von den besten Geistern das Ideal einer höheren ökumenischen Kultur heraufbeschworen wird – einer Kultur, in der sich ein neues Prinzip die in ihren Kräften und Trägern zerstreuten europäischen Überlieferungen wieder zur Einheit erheben soll.

Gleichfalls ist es eine Tatsache, daß gewisse negative Kräfte, die früher nur in vereinzelten Erscheinungen und sozusagen nur im formlosen Zustand auftraten, sich heute zu organisieren beginnen. Sie werden zu Mächten im besonderen Sinne dieses Ausdrucks. In ihrem Herrschaftsanspruch und antithetischen Charakter all dem gegenüber, was uns als europäische Überlieferung gelten kann, bilden jedoch solche Kräfte eine bestimmte Drohung, die uns zu einer notwendigen Alternative aufruft. - Auch von diesem Standpunkt aus behauptet sich also die Forderung nach einer europäischen Einheit – wenigstens als Verteidigungs- und Widerstandseinheit.

In dieser Hinsicht hat Graf R. N. Coudenhove-Kalergi in seiner Broschüre „Stalin und Co.“ in klaren Zügen auf die Gefahr hingewiesen, die das neue sowjetische Rußland für das künftige Europa bedeutet. Diese barbarische Macht strebt gegenwärtig in der Richtung der absoluten Organisierung jeder Kraft, der Rationalisierung und planmäßigen Ausbeutung seiner unermeßlichen natürlichen Möglichkeiten. Der Fünfjahresplan steht vor uns als die erste Erscheinung dieses Willens, der sich überdies zu bewußten internationalen Absichten rüstet. Wenn Rußland aber an dieser Richtung und diesem Machtwillen festhält, werden wir einen Block erleben, dem kein einzelnes europäisches Volk, nur ein vereinigtes Europa Widerstand leisten könnte.

Unseres Erachtens bleibt aber die russische Gefahr nicht die einzige, der gegenüber dem traditionsgebundenen Europa eine entscheidende Alternative auferlegt wird, bevor es zu spät ist. Der russischen entspricht im Westen die amerikanische Gefahr. Es ist wahr, daß es sich dabei noch nicht um eine unmittelbare – materielle oder politische – Gefahr handelt, obwohl schon der Einfluß der amerikanischen Finanzwelt auf die europäische Politik eine bedenkliche Tatsache darstellt. Es bleibt aber die Gefahr einer materialistischen Weltanschauung bestehen, die in demselben zerstörenden, antieuropäischen Sinne wie das bolschewistische Ferment auf uns wirken kann.

Rußland ist selbstverständlich nicht den Vereinigten Staaten gleichzustellen. Die beiden Völker weisen vielfach in Hinsicht der Menschen, des Temperaments, der Rasse und politischen Verfassung unverkennbare Unterschiede auf. Die eine wie die andere Kultur beweist uns die Dämonie des Kollektivums; die Anonymität der Macht; die bewußte oder instinktive Herabsetzung jedes transzendenten Interesses unter die Interessen der Gruppe und ihre stofflichen Verwirklichungen; das mechanische Ideal und den technischen Messianismus; die Gleichgültigkeit (Amerika) oder den Haß (Rußland) gegen die autonome Persönlichkeit und jede Art uninteressierter Tätigkeit – gegen alles, was uns noch als „Tat“ oder „Kontemplation“ im traditionsgebundenen Sinne galt. In diesem Zusammenhange sei darauf hingewiesen, daß die sowjetischen Ideologen, Techniker und sogar Dichter sich bewußt nach dem amerikanischen Ideal richten und ihm fast eine mystische Aureole verleihen.

Hier kann nur der eine oder andere Hinweis Platz finden. Hier können wir nicht – wie wir es anderswo getan haben – die zahlreichen Punkte hervorheben, worin die beiden Kulturen tatsächlich zusammentreffen. Sogar vom wirtschaftlichen Standpunkt aus besteht kein grundsätzlicher Gegensatz zwischen dem sowjetischen Staatstrust, wo das proletarische Kapital nie bei einzelnen verweilen darf, und dem System der stetigen Investitionen, der großen amerikanischen Produktion, wo der Kapitalist zu einer Art asketischem Werkzeug für die Vermehrung und die fortdauernde produktive Unterbringung jeden Gewinnes herabsinkt. Letzten Endes läßt sich alles auf den folgenden Unterschied zurückführen: Die Formen, welche im Sowjetismus durch eine Spannung, die in sich etwas Tragisches und Wildes bewahrt, durch eine tatsächliche Diktatur und ein Terrorsystem zur Verwirklichung streben – tauchen in Amerika bei einem Schein von Demokratie und Freiheit wieder auf, indem sich diese Formen als das spontane Ergebnis erweisen, zu welchem das bloße Produktionsinteresse, das Sichlosreißen von jedem traditionellen Element, das „tierische Ideal“ der stofflichen Welteroberung geführt hat.

Aus diesem Grunde eben birgt Amerika eine lauernde Gefahr: nicht, wie Rußland, als eine feindliche Kraft und ein sauber formulierter Gedanke. Es trägt vielmehr in sich das Samenkorn eben jener Verkehrung der Werte, jener Materialisierung und „Sozialisierung“, für die der sowjetische Mythus als äußerstes Resultat steht. Indem sich Europa sorgenlos amerikanisieren läßt, führt es in seinen Bereich das Trojanische Pferd herein; ein Prinzip, das in den Völkern jeden traditionsgebundenen Rest auflösen wird. Den äußeren, praktischen, mechanischen, sportlich amerikanisierten Lebensformen ist unvermeidlich eine neue Weltauffassung verhaftet, auf Grund deren sich Europa – fast ohne es zu merken – eben in die Richtung einstellt, wo die Gefahr des allmächtigen sowjetischen Masse-Menschen droht.

Das Symbol, welches Europa zur Einheit für die Verteidigung seines Lebens und die Bewahrung seiner alten Überlieferung anrufen kann, ist also unseres Erachtens unvollendet, wenn man Rußland nicht Amerika an die Seite stellt, wenn man im einen und im anderen nicht die beiden Klauen einer einzigen Zange erkennt, die von Osten und Westen her sich um uns zusammenzieht.

Zerstörung des Persönlichen; Aufstieg des Kollektivums; Allmächtigkeit des Mechanischen über das Organische, des Vermischten und Standardisierten über das Gegliederte; „trahison des clercs“ im großen Stil – das heißt Versklavung jeder intellektuellen und geistigen Möglichkeit zugunsten bloß materieller und „sozialer“ Verwirklichungen – dies sind für uns die Kennzeichen des von Amerika und Rußland behaupteten universalen „Ideals“ für ein neues und höheres Menschentum.

Demgegenüber sollen wir unseren universalen europäischen Gedanken verteidigen. Mit Absicht haben wir die geistige Seite der antieuropäischen Gefahr betont: eben um der Bestimmung der wahren Voraussetzungen einer neuen europäischen Einheit näherzukommen.

Heute ist man in eine solche Lage geraten, daß die materiellen und politischen Gefahren auf der ganzen Linie Besorgnis und bereitwillige Gegenaktionen hervorrufen. Die materielle, vom Grafen Coudenhove mit suggestiven Worten gezeichnete Gefahr des neuen Rußland wird daher vielleicht in einer nicht fernen Zeit die europäischen Völker zu Interessen und Prinzipien zwingen, die schließlich über die beschränkten politischen Egoismen hinausgreifen. Trotzdem bleibt für uns bestehen, daß jedwelche Einheit, die sich in der Ebene des Stofflichen verwirklicht – und zu dieser Ebene gehört für uns all das, was wirtschaftlich und „politisch“ im engeren Sinne ist – nur eine vergängliche Einheit sein kann, eine Einheit, welche in jedem Augenblick von den verschiedensten, sei es auch irrationalen Kräften, wieder in Trümmer geschlagen werden kann. Überdies: Wenn es sich um eine organische Einheit, nicht um die Einheit eines bloßen Aggregats handeln soll, so ist nicht daran zu denken, sie auf äußerlichem Wege – durch eine Reihe von internationalen Verträgen ohne das Vorhandensein eines höheren Prinzips – zu erringen. Die Einheit in einem und demselben Geist, in einer einzigen Überlieferung – dies scheint uns die Voraussetzung, von der auszugehen ist, die wahre Grundlage, auf der man organisch zu einer auch materiellen Einheit zu einem politischen „Paneuropa“ gelangen kann. Gleichfalls scheint es uns, daß der wahre Beziehungspunkt nicht ein internationaler, sondern ein bestimmt übernationaler sein muß.

Wenn man von der Notwendigkeit einer „europäischen“ Reaktion redet, so darf der entscheidende Punkt nicht übersehen werden: In wessen Namen soll Widerstand geleistet werden? Nehmen wir an, um sich gegen Rußland als Bund der sowjetischen Republiken oder gegen die Vereinigten Staaten zu behaupten. Das Symbol, welches Europa zur Einheit für die Verteidigung seines Lebens und die Bewahrung seiner alten Überlieferung anrufen kann, ist also unseres Erachtens unvollendet, wenn man Rußland nicht Amerika an die Seite stellt, wenn man im einen und im anderen nicht die beiden Klauen einer einzigen Zange erkennt, die von Osten und Westen her sich um uns zusammenzieht.

Zerstörung des Persönlichen; Aufstieg des Kollektivums; Allmächtigkeit des Mechanischen über das Organische, des Vermischten und Standardisierten über das Gegliederte; „trahison des clercs“ im großen Stil – das heißt Versklavung jeder intellektuellen und geistigen Möglichkeit zugunsten bloß materieller und „sozialer“ Verwirklichungen – dies sind für uns die Kennzeichen des von Amerika und Rußland behaupteten universalen „Ideals“ für ein neues und höheres Menschentum. Demgegenüber sollen wir unseren universalen europäischen Gedanken verteidigen. Mit Absicht haben wir die geistige Seite der antieuropäischen Gefahr betont: eben um der Bestimmung der wahren Voraussetzungen einer neuen europäischen Einheit näherzukommen.

Wie Prinz K. A. Rohan in der Betrachtung einer ähnlichen Frage richtig gesehen hat, „so nützt es wenig, wenn mehrere Regimenter auf getrennter Straße in einen Abgrund marschieren, daß sie, ohne ihre Richtung zu ändern, sich vorher zu einer Armee vereinigen; dann wird eben die geeinte Armee in den Abgrund stürzen und der Untergang derselbe bleiben“. Es wäre frivol zu glauben, daß durch Schaffung irgendeiner europäischen Einheitsform der Niedergang dieser Kultur aufgehalten werden könnte, wenn die einzelnen Völker noch nicht eine innere Erneuerung durchgeführt haben, das heißt eine gleichgerichtete Reaktion, eine geistige Integration, wodurch all das, was in ihnen zum Russischen oder Amerikanischen neigt, ausgeschieden wird. Dann wäre ein einziger Geist anwesend und tätig und die Völker würden virtuell in die Lage gebracht, sich organisch in eine höhere, über jeder Einzelheit stehende Einheit zusammenzufassen. Es kann auch geschehen, daß die Ereignisse sich überstürzen, daß irgendeine ökonomische, politische oder militärische Einheitsform sich als sofortige Hilfsmethode aufdrängt, noch ehe die ihr entsprechende geistige Gegenseite, ein europäisches Gesamtbewußtsein, vorhanden ist. Nichtsdestoweniger muß anerkannt werden: Wo das Äußere nicht durch ein Inneres organisiert wird, wo keine Seele dem eigenen Körper die Einheit, das Leben und die Form gibt – da kann es sich nur um unvollendete Erscheinungen handeln, die nicht imstande sind, sich einem echten und dauernden Bestand zu wahren.

Das Problem heißt also: In welcher Richtung sollen die einzelnen europäischen Völker jene innere Erneuerung vollziehen, welche sie einerseits vor dem endgültigen Umsturz unserer Überlieferungen beschützen und befestigen kann – anderseits zur Überwindung alles dessen führt, was sie trennt und einander entgegensetzt?

Wir glauben, eben die westliche Geschichte bietet Elemente zur Lösung einer solchen Frage. Wenn die europäische Einheit Mythus einer besseren Zukunft ist, so ist sie auch die Wirklichkeit unserer besten Vergangenheit. In der mittelalterlichen Kultur herrschte ein einziger Geist über die verschiedensten Rassen und Traditionen; thronte, als ein den beschränkten Interessen der einzelnen politischen Einheiten überlegener Beziehungspunkt, die überpolitische, einheitliche, nicht internationale, sondern eben übernationale Autorität des Heiligen Römischen Reiches. Damit liefert uns gerade die mittelalterliche Kultur das Beispiel, welches uns angesichts der Krise und des Materialismus der modernen Welt not tut. Wir beabsichtigen freilich nicht, zu unzeitgemäßen und überholten Erscheinungen zurückzukehren: In anderen, geeigneten Formen kann aber ein und derselbe Geist immer wieder erweckt werden. Dies vorausgesetzt, sind die Vorgänge, welche zerstörend vom ökumenischen mittelalterlichen Europa bis zu jenen heutigen Tagen geführt haben, am lehrreichsten: Sie deuten den Weg an, der mutatis mutandis, wenn er in der entgegengesetzten Richtung durchlaufen wird, eben den Sinn jener Integration ausdrückt, von der wir früher gesprochen haben, und welche die Voraussetzung einer neuen, wahren europäischen Einheit bildet.

Wir können hier nur auf die allgemeinste und allbekannteste Bedeutung derartiger Vorgänge hinweisen. – Die europäische Einheit ist zugrunde gegangen, als an die Stelle des überpolitischen Reichsprinzips das politische Vaterlandsprinzip trat. Durch ein solches Prinzip hindurch ist Europa vom Universalen zum Besonderen, vom Sakralen zum Blutbedingten übergegangen, um zuletzt in das bloße Kollektivum und „Soziale“ (wofür eben Amerika und Rußland als „Spitzenleistung“ gelten dürfen) zu münden. Der Übergang hängt aufs innigste mit der Zerstörung jenes hierarchischen, traditionsgebundenen Ideals zusammen, welches früher innerhalb der einzelnen Staaten vorwaltete. Wie bekannt, war der Zement der feudalen Einheiten weder der plebejische Nationsgedanke, noch das wirtschaftlich-soziales Gesetz, auch nicht die Kraft einer zentralisierten „öffentlichen Gewalt“ – sondern die Treue – fides. Aus dem Gefühle der Treue heraus anerkannte der Bauern- und Gewerbestand die Autorität des Adels und der Adel die des Fürsten. Die Treue – eine schon überzeitliche Treue – machte den Fürsten fähig, die politische Einheit, deren Führer und lebendiger Mittelpunkt er war, der ökumenischen und überpolitischen Einheit des sakralen Imperiums unterzuordnen. Die gesellschaftliche Gliederung ließ jeden Stand eine ihm entsprechende Lebensart entfalten; die Hierarchie der Stände machte den körperlich-ökonomischen Teil des Gesamtlebens zu einer getrennten Schicht, jenseits deren die Verwirklichung höherer Lebens- und Tatweisen gemäß dem heroisch-aristokratischen wie auch dem asketischen Ideal (die oft – wie es bei den großen Ritterorden der Fall war – zusammentrafen) ungehindert sich vollziehen konnte. Diese Gliederung und Hierarchie ermöglichte die Vollendung getrennter und freier Persönlichkeitsformen – gleichermaßen führte sie jenseits des bloß Materiellen und Sozialen. Bei den Eliten – das heißt bei denjenigen, welche immer zur Treue im höheren Sinne fähig waren – schuf eine derartige Rangordnung die Herrschaftsmöglichkeit für einen überpolitischen und universalen Gedanken. Wenn der Bolschewismus durch den Mund Lenins wörtlich erklärt hat, daß das größte Hindernis für die Verwirklichung des proletarischen Ideals des Massenmenschen – in der römisch-germanischen Welt besteht, so haben wir in die Bestätigung dafür, daß das oben Angedeutete uns am ehesten als fester „europäisch“-traditioneller Standpunkt und als Grundlage der inneren Integration in gegensowjetischem und gegenamerikanischem Sinne gelten dürfen.

Als das hierarchische mittelalterliche Ideal unterging; als die ständische Gliederung sich auflöste; als das Werk der nationalen Zentralisation und der Einsetzung öffentlicher Gewalten seinen Anfang nahm und die Führer von den höheren aristokratischen Funktionen zur unmittelbaren absolutistischen Einmischung in Gebiete einer schon mit Wirtschaft und Nation als Kollektivum verflochtenen Politik herabstiegen – da setzte ein Materialismus ein, durch den der Weg völlig freigelegt wurde für einen zersetzenden Partikularismus. Freilich bereiteten die Fürsten, die sich zur staatlichen Zentralisation und zur Einsetzung nationaler „öffentlicher Gewalten“ hergaben, ihren eigenen Untergang vor. Sie schufen den Organismus, in welchem durch die Revolutionen die „Nation“ als bloßes Kollektivum einen Leib gewinnen sollte. Wenn es auch paradox scheinen mag, besteht doch tatsächlich zwischen der Ideologie der „Nation“, welche sich jedem ihrer Glieder gegenüber als höchster Wert präsentiert, und dem Mythus des allmächtigen vaterlandslosen Massenmenschen nur ein Gradunterschied. Es handelt sich um zwei aufeinanderfolgende Stufen eines gegenhierarchischen und gegenaristokratischen Rückganges, wodurch in letzter Instanz der Promiskuitätszustand der primitiven Völker zu neuem Leben erweckt wird: Das „Individuum“ ist hier nichts als ein antlitzloser Teil der Gruppe. – Dies ist eben das antieuropäische Ideal – vorausgesetzt, daß in der Kultur, in der Bildung der einzelnen vollendeten Personal werten, im freien organischen Sicheinordnen derselben in eine lebendige Hierarchie das bedeutendste Ideal für unsere europäische Tradition zu suchen sei.

Wenn auch in zusammenfassender Kürze, bringen solche Betrachtungen doch Klarheit in unseren Gegenstand. Was das stärkste Hindernis gegen jedwelche wahre europäische Einheit bildet, in dem sich auch dasselbe Übel verrät, dem der Kampf gilt, ist der europäische Nationalismus eben im plebejisch-kollektiven Sinne. Im Rahmen eines solchen Nationalismus maßt sich Rasse, Ökonomie, Politik im engeren Sinne dieses Ausdrucks – also das dem Körperlichen der alten sozialen Organismen Entsprechende – den Wert des Geistes an, es verkennt die Autorität jeder dem politisch oder völkisch bedingten überlegenen Tätigkeit; es entwürdigt den Standes-, Adels-, sogar den Staatsgedanken; es zerbricht also mit einer Reihe antagonistischer Schismen und Begriffe die Einheit des Geistes und der Überlieferung. So lange sich die Geistigkeit mit Politik vermischt und Adel mit Plutokratie oder den Leitern eines bloß ökonomischen oder militärischen Organismus, so lange der Staat eben nur „Nation“ – und nicht eine der Typen- und Wertenhierarchie entsprechende Rangabstufung ist – ebenso lange, meinen wir, werden Begierden, Egoismen, Hegemonismen der verschiedenen Völker, Kampf- und Wettpläne gefräßiger Monopoltruste usw. als treibende Mächte fortbestehen. Auf dem Niveau des keinem höheren Prinzip unterworfenen Materiellen ist eine wahre Einheit nicht möglich; hier ist nur Zersplitterung und Kampf oder der Einbruch des dem letzten Zeitalter eigenen kollektiv-materiell-technischen „Ideals“ zu erwarten. Im letzten Fall würde vielleicht der Zustand einer universalen „Brüderlichkeit“ herannahen, in der aber nicht die Abschaffung des „nationalen“ Geistes mit seinen Begierden und seinem weltlichen Stolz, sondern dessen äußerste Form zu erkennen wäre. Nach Bendas Wort: Dann wird die Nation „Mensch“ und der Feind „Gott“ heißen.

Unseres Erachtens sollte sich also die Integration, welche innerhalb der einzelnen Völker zur Vorbereitung der neuen europäischen Einheit durchzuführen wäre, im aristokratischen, beziehungsweise „klassischen“ Sinne entwickeln. Auf politischem und ökonomischem Niveau müßte sich eine geistige Oberschicht lostrennen, der alles Übrige untergeordnet würde. Dadurch könnte eine gegen-zentralistische Richtung einsetzen, zur Schaffung getrennter Wege, Funktionen und Tätigkeitsformen als Grundlage qualitativ verschiedener Verwirklichungen der menschlichen Persönlichkeit.

Wir können hier nicht die verschiedenen Seiten solcher Erneuerung betrachten. In materieller Hinsicht kann vielleicht der nicht syndikalistisch, sondern im antiken, den Gilden und Zünften entsprechenden Sinne aufgefaßte Korporationsgedanke dazu wirksam beitragen. Es handelt sich dabei um die Schaffung Genossenschaften und Ständen, die den Staat von seinem materiell-ökonomischen Teil entlasten und ihm so gestatten sollen, sich zu einer höheren, ausgleichenden und anordnenden, weiterhin rein geistigen und symbolischen Funken emporzuheben. Gegen die Einbrüche eines anarchischen Individualismus und die Erniedrigung zu Krämer- und Lohnarbeiterinteressen sollen die alten Grundsätze der Treue, der Ehre und des Dienststolzes, der Freude an einer dem eigenen Wesen und Stand gemäßen Tätigkeit wieder lebendig werden, um so die Verbindung zwischen der materiellen und der immateriellen Seite jedes einzelnen Staates wieder herzustellen. Die höhere hierarchische Schicht würde eben die geeignetste Lage darstellen für die Verwirklichung eines ökumenischen europäischen Bewußtseins, das die verschiedenen Völker im Geist, ohne ihre Körper zu vermischen, von oben her einigen könnte.

In dieser letzten Hinsicht ist es nicht unnütz, wieder des Gegensatzes zu gedenken zwischen kollektivistischem und universalistischem (übernationalistischen) Gedanken. Im ersteren sind die Unterschiede abgeschafft; im letzteren sie integriert. Im Bereiche des Stofflichen bestehen sie fort – sie sind nur aufgehoben durch ihre hierarchische Unterordnung unter den geistigen Teil jedes Gliedes. Die europäische Einheit wäre also ebensowenig wie die mittelalterliche Einheit genötigt, das Vaterlands- und Rassenprinzip zu verneinen, vorausgesetzt, daß dieses Prinzip an seiner richtigen Stelle bleibe und keinen Anspruch Kräfte an sich zu ziehen, deren geeignete, gesunde Entfaltung nur auf höherem Niveau stattfinden mag. Ein Organismus ist desto vollendeter, je gegliederter er ist – aber er ist auch desto vollendeter, je mehr die voneinander verschiedenen Teile harmonisch und unmittelbar einem einzigen, freien, vom instinktmäßigen und tierischen Element unabhängigen Willen gehorchen.

Eben eine derartige Einheit sollte als Voraussetzung für die Direktiven gelten, die von der Paneuropabewegung hinsichtlich auch der materiellen Belange zur Lösung der europäischen Krise und zur Bildung eines europäischen politischen Verteidigungsblockes herangezogen werden. In einigen Fällen könnte die geistige Einheit ruhig als ein erlebter, keiner äußeren Verordnung bedürftiger Zustand herrschen. In anderen Fällen müßte die Einheit aber imstande sein, dynamisch ihre tiefe Wirklichkeit in der Kraft zu beweisen, die mit den verschiedensten Rassen und Traditionen in einem einzigen unaufhaltsamen Schwung und Willen zur Vereinigung gebracht werden können. Handelt es sich auch um einen Verteidigungs- oder um einen Eroberungszug, so sollte darin immer ein den blinden Determinismen der politischen Leidenschaften überlegener Drang von obenher wirksam sein und darin der Dienst an einem idealen und universalen Prinzip walten. In einer zeitbedingten Erscheinungsform zeigen uns die Kreuzzüge, durch die Europa zum ersten- und letzten Mal eine vereinigende, universale, freie und zugleich organische, den Grenzen des Bodens und des Blutes überlegene Tat setzte, ein derartiges Ideal.

Das Sich-wieder-erheben des Geistes und ein neues Treuegefühl vorausgesetzt, scheint es uns, daß die Art einer der europäischen Überlieferung gemäße Einheitsform im Ethos der alten nordisch-arischen Verfassung wiederzufinden ist. Wir denken dabei an jene Genossenschaften der Freien, welche in Friedenszeit wie ein Parlament von Gleichen waren, von innerhalb des eigenen Mundiums unabhängigen Grundherren; in Kriegszeiten oder bei einem gemeinsamen Ziel und solange die Unternehmung dauerte, verwandelten sich aber die Grundherren mit ihren Mannen in unbedingt treue Gefolgsleute eines einzigen Führers.

Was das politische, übernationale Verfassungsprinzip betrifft, das heute praktisch ein solches Ethos, ein solches Regime von Freiheit und Gleichheit und zugleich von „europäischer“ Hierarchie vorbereiten, verordnen und festsetzen könnte – so bildet dies ein Problem, das außerhalb des Rahmens fällt, welchen wir den vorliegenden Betrachtungen gesetzt haben.

aus: Paneuropa, 1932